Recherche und Beratung > Allgemeintitle_li=Info-Szene - Szenen-Infostitle_li=Recherchetechnik > Warum braucht man professionelle Informationsspezialisten für die Patentrecherche? (Teil 1)

Warum braucht man professionelle Informationsspezialisten für die Patentrecherche?

„Numerous studies have shown users are often willing to sacrifice Information quality for accessibility. This fast food approach to information consumption drives librarians crazy. ‘Our Information is healthier and tastes better too’ they shout. But nobody listens. We’re too busy Googling.“ (Peter Morville, 2005: in „Ambient Findability“)
Aber nicht nur Bibliothekare könnten über diese „Fast-Food-Mentalität“ bei der Informations-Beschaffung verzweifeln.

Im Zeitalter des Internet werden öffentliche Informationen immer leichter und für jeden zugänglich verfügbar gemacht. Treiber dieser Entwicklung sind nicht zuletzt Suchdienste wie Google, Bing und wie sie alle heißen, die die im Internet eingestellte Information erschließbar machen, mehr und mehr auch über Sprachgrenzen hinweg. Im Zuge dieser noch lange nicht abgeschlossenen Entwicklung stellt sich für Entscheider in KMU immer wieder die Frage, inwiefern professionelle Informations¬gewinnung durch einen externen Informationsspezialisten einen geldwerten Vorteil für sein Unternehmen darstellt.

Die naheliegende Frage lautet:
Kann heutzutage nicht Jedermann durch eine eigene Internetrecherche mit einer geeigneten Suchmaschine die benötigte Information genauso gut selbst ermitteln?

Im Bereich der Patentinformationen ist diese Problematik besonders offensichtlich, da Patentinformationen nach einer bestimmten Frist, in der Regel nach Ablauf von 18 Monaten, durch die Patentämter der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssen, es also eine gesetzliche Garantie für die freie Verfügbarkeit dieser Informationen gibt.
Die Bereitstellung der Informationen durch die Patentämter erfolgt heute bevorzugt über das Internet. Mittels eines vernetzten Computers ist dieser riesige Schatz an weltweiten technischen Informationen weitgehend vollständig für jedermann, jederzeit und überall erreichbar. Den gesetzlichen Vorgaben kommen die nationalen Patentämter sowie das World Intellectual Property Organization (WIPO) dadurch nach, dass sie auf ihren Internetpräsenzen Suchmasken für die Recherche in ihren Datenbeständen anbieten. Daneben vertreiben die Patentämter Datensammlungen auf deren Grundlage Anbieter wie STN, Thompson Reuters, Minesoft und andere ihre Recherchedatenbanken aufbauen. Darüber hinaus werden über Google Patent Search bzw. Google Scholar oder Seiten wie FreePatentsOnline frei verfügbare Möglichkeiten der Patentrecherche angeboten.
Die Patentämter stellen in der Regel Mittel zur Verfügung um etwa einzelne Patentdokumente zu identifizieren und herunterzuladen oder kleinere Suchanfragen zu bearbeiten. Sie stellen aber kaum effektive Mittel zur Erschließung der gesamten Datenfülle zur Verfügung. Während in den Patentämtern die Patent-Prüfer intern mit hoch effizienten Recherche-Mitteln arbeiten werden der Öffentlichkeit kostenfrei nur sehr rudimentär entwickelte Recherche-Tools an die Hand gegeben.
Als typisches Beispiel sei hier etwa auf das Angebot des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum IGE/IPI der Schweiz verwiesen. Die der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellten Recherche¬möglichkeiten sind unter dem Namen Swissreg (https://www.swissreg.ch, dann auf den Link „Patente“ klicken) zu finden. Zur weiteren Beurteilung kann man sich eine beispielhafte Trefferliste durch eine einfache Suchanfrage erzeugen lassen.

Im Gegensatz dazu steht die kostenpflichtige Dienstleistung ip-search des IGE/IPI (https://www.ip-search.ch) bei der mit dem nicht-öffentlichen, internen Recherchesystem des europäischen Patentamtes, aber auch mit Thomson Innovation sowie mit STN-Datenbanken gearbeitet wird und dem Auftraggeber als Resultat der Recherche maßgeschneiderte Reports erstellt werden. Um dies noch einmal zu betonen: die eidgenössischen Rechercheure selbst arbeiten natürlich nicht mit den einfach gestrickten und unhandlichen Mitteln des Internetangebots des IGE/IPI sondern mit ihren ausgefeilten und mächtigen Hilfsmitteln.
Dass mit Swissreg nur auf dem Datenbestand des IGE/IPI Suchen durchführt werden können ist in diesem Zusammenhang nicht relevant da diese qualitativen Unterschiede zwischen den frei verfügbaren und den intern angewandten Mitteln genauso für das deutsche, das europäische oder für jedes andere Patentamt typisch sind.

Während also die gezielte Suche nach einem bestimmten Patentdokument anhand von Patent- oder Veröffentlichungsnummern, oder von Patenten eines bestimmten Erfinders und ähnlich einfache Aufgaben auf den Seiten der Patentämter leicht durchgeführt werden können, lässt sich etwa eine Recherche nach dem Stand der Technik für die meisten technischen Gebieten kaum bewerkstelligen da dazu in der Regel eine sehr große Anzahl von Dokumenten durchsucht und dann inhaltlich gesichtet und bewertet werden müssen. Für so eine Aufgabe sind die Darstellungsmethoden auf diesen Seiten viel zu unhandlich und ist die Sichtung viel zu aufwändig. Und spätestens dann, wenn man mehr als einen Suchschritt ausführen will (und in der Regel sind für eine nachhaltige Recherche eher über 50 verschiedene, aufeinander aufbauende Suchschritte erforderlich) kommt man in die Verlegenheit, dass schon gesichtete Dokumente wieder auftauchen können und diese daher doppelt oder mehrfach „in die Hand genommen“ werden müssten. Bei Recherchen, die in der Summe der verschiedenen Suchanfragen leicht Mengen von Dokumenten-Links in der Größenordnung von 5.000 oder mehr Dokumenten liefern können ist es auch offensichtlich, dass es nicht sinnvoll sein kann die entsprechende Anzahl von Klicks zu tätigen, unter Umständen zu warten bis die entsprechenden pdf-Dokumente geladen und geöffnet sind, hier zu den Claims oder den Mosaics zu scrollen, und nach für die Recherche-Aufgabe Ausschlag gebenden Textstellen oder Figuren zu suchen. Ganz davon abgesehen, dass die Ausgabe von Trefferlisten häufig auf 250, 500 oder vielleicht auch 1.000 Einträge limitiert ist, also zu vielen Suchanfragen gar keine vollständigen Ergebnisse ausgegeben werden können.

Bei Internetsuchmaschinen wie Google besteht zusätzlich das Problem, dass diese bei der Erzeugung der effektiven Suchanfrage und beim Ergebnis-Ranking mit nicht sichtbaren, geheimen Algorithmen arbeiten und ihre Resultate daher durch den Nutzer kaum bezüglich ihrer Treffsicherheit und Vollständigkeit und nur aufwändig (nämlich nur durch die individuelle Sichtung jedes einzelnen Verweises) bezüglich ihrer Eindeutigkeit und Relevanz eingeordnet werden können. Man kann nie sicher sein, ob sich zwei Suchen in ihrer Treffermenge überschneiden, oder ob, bildlich gesprochen, zwischen den beiden Treffermengen Resultate die eigentlich in den Treffermengen enthalten sein sollten, unter den Tisch fallen. Die begrenzte Trefferdarstellung pro Ergebnisseite tut ein Übriges die häufig bei Patentrecherchen anfallenden Dokumentmengen nicht auch nur annähernd effektiv zu handhaben zu können.

Genau in diese Bresche springen die kommerziellen Datenbankanbieter indem sie definierte Suchanfragen logisch exakt prozessieren, große Treffermengen handhabbar machen, beliebig zusammengestellte Mengen durch logische Operatoren verknüpfbar machen und Mittel bereit stellen um Dokumente effektiv und zeit- und ressourcenschonend zu sichten. Hier ist ein möglichst flexibles Highlighting, also das Hervorheben von ausgewählten Schlüsselwörtern sehr nützlich oder auch die Darstellung im so genannten KWIC-Format (KWIC = keywords in context, also die Generierung von relevanten Textausschnitten aus den Dokumenten). Darüber hinaus stellen Datenbankanbieter in der Regel die Datenbestände verschiedener internationaler Patentämter zusammen und sorgen für die einheitliche Formatierung der Datenbankeinträge und liefern zusätzlich noch Mehrwert wie die einheitlichen Verschlagwortung der Dokumenten (etwa Derwent World Patent Index), statistische Auswertungen, Visualisierungen und andere Dienste.

Aber selbst bei der Verwendung einer professionellen Spezialdatenbank für die Patentrecherche sind neben Kenntnis des relevanten Technologiebereichs noch zusätzliches Wissen über das Patentwesen und idealer Weise größere Recherche-Erfahrung Vorbedingungen für eine effektive, umfassende, zielführende sowie kostengünstige Recherche.

Als Besonderheiten der Informationsbeschaffung im Bereich Patentwesen seien hier beispielhaft benannt:
• Eigenarten der Patentinformationen wie Vielsprachigkeit, Eigenarten in den Formulierungen, Zugänglichkeit von ausländischen Patenttexten (insbesondere Texte mit nicht-lateinischen Schriftzeichen), Änderungen in der Erscheinungsform digitaler Patentdokumenten, die sich aus der Entwicklung des dokumentierten Patentwesens vom 19. Jahrhunderts bis heute und dem Digitalisierungsvorgang sowie dem unterschiedlichen Ausmaß der Erschließung ergeben
• Graphischer Informationsgehalt der Dokumente wie Figuren, chemische Strukturformeln
• Verständnis bezüglich Methodik, Vielfalt, Nutzen und Grenzen der Patent-Klassifizierungssysteme (International Patent Classification, European Classification System, Cooperative Patent Classification, bis hin zur Nutzung der DEKLA oder japanischer Klassifikationen und F-Terms, etc.) sowie Eigenarten besonderer Technologiefelder
• Kenntnisse über die Auswahl und Anwendung von geeigneten Suchwörtern und deren sinnvolle Trunkierung und Erfassung von Flexionen sowie das Ausschließen ungeeigneter und nicht zielführender Suchwörter
• Falls erforderlich sinnvolle Kombination mehrerer Datenbanken und Kenntnisse der verschiedenen Suchsprachen (z.B. Ikofax des DPMA) und Variationen bei der Anwendung verschiedener Datenbanken bzw. deren Front-Ends, etwa verschiedene Trunkierungsregeln

In einer Fortsetzung dieses Artikels möchte ich zur weiteren Veranschaulichung der Problematik ein fiktives aber praxisnahes Beispiel für eine Patentrecherche entwickeln.


Albrecht S. Storz

Comments are closed.